Usability-Konventionen: Grundlagen und Beispiele
Jens Meiert, 8. Dezember 2006. ISSN 1614-3124, Ausgabe 28.
Dieser Artikel erschien exklusiv im Webkrauts-Adventskalender 2006.
Eine Konvention (v. lat.: conventio = Übereinkunft, Zusammenkunft) ist eine nicht formal festgeschriebene Regel, die von einer Gruppe von Menschen aufgrund eines Konsens eingehalten wird.
In bezug auf Webdesign liegen neben technischen Konventionen (oder Standards) unter anderem Konventionen vor, die Bedienbarkeit und Benutzerfreundlichkeit (Usability) adressieren. Sie haben ihren Ursprung in der Praxis, oftmals entweder durch Applikationen oder andere Online-Angebote »inspiriert«. Größere Verbreitung von bestimmten Vorgehensweisen, wie zum Beispiel das Hervorheben oder Plazieren von Seitenelementen, sorgt gewissermaßen für Übereinkunft und damit Konventionen.
Eine solche Popularität von Vorgehensweisen und Designlösungen im Webdesign muss zwar nicht unbedingt die effizientesten, effektivsten und auch angenehmsten Lösungen hervorbringen, bringt jedoch mit sich, dass Benutzer nach und nach mit diesen vertraut werden und entsprechende Erwartungen aufbauen, und besitzt den Vorteil, dass diese mit Etablierung der jeweiligen Konvention schneller und leichter zum Ziel kommen. Und so begründet sich und steigt die Wichtigkeit von Usability-Konventionen.
- Konventionen helfen Benutzern durch Erfüllung von Erwartungen;
- Konventionen unterstützen Webdekorateure, -designer und -entwickler durch »Vereinfachung von Entscheidungen«.
Die nächsten Abschnitte beschreiben ein paar Beispielkonventionen, Erfahrungswerte und Daumenregeln, die ein Webdesigner unabhängig von allgemeiner Usability-Heuristik kennen sollte. Diese Sammlung ist recht frei gehalten und legt eine tolerante Definition von Konventionen zugrunde; eine striktere Auslegung, die beispielsweise mehr als 50 % Verbreitung als Konvention und mehr als 80 % als De-facto-Standard annimmt, findet sich beispielsweise bei Jakob Nielsen (1999).
Positionierung
Das im Laufe der Zeit »reifer« gewordene Internet hat relativ schnell Konventionen hinsichtlich der Plazierung von Seitenelementen hervorgebracht. Vom »Software Usability Research Laboratory« der Universität von Wichita (Kansas, USA) wurde bereits 2001 untersucht, wo Benutzer bestimmte Seitenelemente erwarten. Anfang 2005 wurde die Studie nochmals durchgeführt. Ohne auf die weniger deutlichen Unterschiede zwischen 2001 und 2005 einzugehen, wurden folgende mehrheitliche Nutzererwartungen ermittelt:
- Startseiten-/Homepage-Link: Oben links (44 %), aber auch unten Mitte (15 %) und unten links (11 %);
- Interne, also Navigationslinks: Links;
- Seiteninterne Suche: Oben;
- Werbung: Oben Mitte (27 %) und rechts;
- Anbieterkennzeichnung: Unten Mitte, aber auch links (unten).
Links
Vor allem Jakob Nielsen propagiert in regelmäßigen Abständen Grundregeln zur Kennzeichnung von Links, die jedoch durchaus als Konventionen wahrgenommen werden können und sollten. Seine Richtlinien zur Darstellung von Links (2004) legen nahe, Links (zu):
- Farblich hervorzuheben;
- Unterstreichen (Ausnahme: Navigationsmenüs und Linklisten, sofern klar als solche erkennbar);
- anders zu kennzeichnen, wenn besucht.
Und:
- Nicht-Links nicht unterstreichen.
Ergänzung zur Unterstreichung von Links: Auch wenn Web-Usability-Experten wie Jared Spool auf die Erfahrung verweisen, dass Linkunterstreichung nicht erforderlich ist, solange Links dennoch als solche erkennbar sind, kann man Benutzern das Leben definitiv einfacher machen, wenn man eine solche alte, »native« Konvention in seiner Arbeit als Designer oder Entwickler beherzigt.
Formulare
Analog haben sich einige Konventionen für Formulare und Formularelemente herauskristallisiert.
- Buttons für Aktionen und Bestätigungen stehen links (von anderen Buttons);
- Verzicht auf »Zurücksetzen«-Buttons (ja okay, keine echte Konvention);
- Formularbeschriftungen über oder links von den dazugehörigen Formularelementen (Ausnahme: Checkboxen und Radio-Buttons mit rechtsstehenden Beschriftungen).
Schlussbemerkung
Auch wenn die Definition einer Konvention hier lax erfolgt, sollte (nochmal) deutlich werden, warum Konventionen hilfreich sind, und gleichzeitig, welche zu den anerkannteren im Webdesign gehören. Gegenbeispiele finden sich in großer Zahl; eine populäre Plattform für viele Konventionsbrüche ist immer noch Flash, das nicht nur im Jahr 2000 zu vielen kontraproduktiven Designabweichungen führte, hauptsächlich in bezug auf Standardinteraktionselemente (Formularelemente und Scrollbalken).