Jens Meiert

Wie man widerspricht (Paul Graham)

Jens O. Meiert, 19. Dezember 2008.

Übersetzung (anderes Urheberrecht) des englischen Artikels von Paul Graham.

Das Web macht aus Schriftstücken Konversationen. Vor 20 Jahren haben Autoren geschrieben und Leser gelesen. Das Web erlaubt Lesern, zu antworten, wovon diese immer häufiger Gebrauch machen – in Form von Kommentaren, in Foren und in ihren eigenen Blogs.

Viele, die auf einen Beitrag reagieren und antworten, widersprechen ihm. Das ist zu erwarten. Zustimmung neigt dazu, die Leute weniger zu motivieren als Ablehnung. Und wenn man mit etwas einverstanden ist, gibt es weniger zu sagen. Man kann etwas ausführen, das der Autor geschrieben hat, aber er hat die interessantesten Folgerungen vermutlich bereits berücksichtigt. Wenn Sie widersprechen, betreten Sie Terrain, das der Autor noch nicht erforscht haben könnte.

Die Folge ist, dass wesentlich häufiger widersprochen wird, besonders, wenn nach der Zahl der Wörter gegangen wird. Das bedeutet nicht, dass die Leute verärgerter sind. Die strukturelle Veränderung in der Art, wie wir kommunizieren, ist für den Nachweis ausreichend. Aber auch wenn es nicht Verärgerung ist, die den Anstieg von Meinungsverschiedenheiten begründet, besteht die Gefahr, dass dieser die Leute dennoch ärgerlicher macht. Besonders online, wo es leicht fällt, Dinge zu sagen, die man von Angesicht zu Angesicht niemals aussprechen würde.

Wenn wir alle immer häufiger widersprechen, sollten wir darauf bedacht sein, dies angemessen zu tun. Was bedeutet es, angemessen zu widersprechen? Die meisten Leser kennen den Unterschied zwischen Beschimpfung und sorgfältig argumentierter Widerlegung, aber ich denke, dass es hilfreich ist, die Zwischenstufen zu benennen. Es folgt also eine Bemühung um eine »Widerspruchshierarchie«.

Inhalt

  1. WH0: Beschimpfung
  2. WH1: Ad Hominem
  3. WH2: Kritik des Umgangstons
  4. WH3: Widerspruch
  5. WH4: Gegenargument
  6. WH5: Widerlegung
  7. WH6: Den Hauptpunkt widerlegen
  8. Was dies bedeutet

WH0: Beschimpfung

Dies entspricht der niedrigsten Stufe des Widerspruchs, und vielleicht auch der verbreitetsten. Wir haben alle schon Kommentare gesehen wie:

Du Schwuchtel!!!!!!!!!!

Es ist jedoch wichtig, festzustellen, dass etwas wortgewandtere Beschimpfungen nicht mehr Gewicht haben, also nicht besser sind. Ein Kommentar wie

Der Autor ist ein wichtigtuerischer Dilettant.

ist nicht wirklich etwas anderes als »du Schwuchtel«.

WH1: Ad Hominem

Ein »Ad Hominem«-Angriff (»auf den Menschen gerichtet«) ist nicht ganz so schwach wie bloßes Beleidigen. Er kann tatsächlich etwas Gewicht haben. Wenn zum Beispiel ein Abgeordneter in einem Artikel schreibt, dass die Bezüge von Abgeordneten erhöht werden sollten, könnte man antworten:

Natürlich sagt er das. Er ist schließlich ein Abgeordneter.

Dies widerlegt zwar nicht das Argument des Schreibers, die Aussage kann für den Fall aber zumindest relevant sein. Dennoch ist dies eine recht schwache Form des Widerspruchs. Wenn mit dem Argument des Abgeordneten etwas nicht in Ordnung ist, sollte man sagen, was es ist; was für einen Unterschied macht es, dass er Abgeordneter ist, wenn an der Aussage nichts falsch ist?

Die Aussage, dass dem Autor die Kompetenz fehlt, über ein bestimmtes Thema zu schreiben, ist eine spezielle Art des »Ad Hominem«-Angriffs – und eine, die besonders nutzlos ist, weil gute Ideen häufig von Außenstehenden kommen. Die Frage ist, ob der Autor recht hat oder nicht. Wenn fehlendes Sachverständnis dafür verantwortlich ist, dass er Fehler macht, zeigen Sie diese auf. Wenn dies nicht der Fall ist, gibt es kein Problem.

WH2: Kritik des Umgangstons

Auf der nächsten Stufe fangen wir an, Reaktionen auf die Schreibweise festzustellen, nicht auf den Autor selbst. Die niedrigste Form dieser Reaktionen ist das Missbilligen des Tons des Autors, zum Beispiel:

Ich kann nicht glauben, dass der Autor intelligente Gestaltung so hochmütig abtut.

Obwohl dies besser ist, als den Autor anzugreifen, entsprechen solche Kommentare immer noch einer schwachen Form des Widerspruchs. Es ist viel entscheidender, ob der Autor daneben oder richtig liegt, nicht wie sein Ton ist. Und das gilt um so mehr, da Ton schwer zu beurteilen ist. Jemand, der bei bestimmten Themen unter Komplexen leidet, mag sich durch einen Ton angegriffen fühlen, der für andere neutral wirkt.

Wenn also die schlimmste Sache, die Sie zu etwas sagen können, den Ton betrifft, sagen Sie nicht viel. Ist der Autor salopp, hat aber recht? Besser das als ernstlich und falsch. Und wenn der Autor an anderer Stelle danebenliegt, sagen Sie, wo.

WH3: Widerspruch

Auf dieser Ebene erhalten wir endlich Reaktionen auf das, was gesagt wurde, nicht das Wie oder Wer. Die niedrigste Form der Antwort auf ein Argument ist es, einfach die entgegengesetzte Position einzunehmen, mit wenigen oder gar keinen stützenden Belegen.

Diese Praxis wird häufig mit WH2-Aussagen kombiniert, wie in:

Ich kann nicht glauben, dass der Autor intelligente Gestaltung so hochmütig abtut. Intelligente Gestaltung entspricht einer legitimen, wissenschaftlichen Theorie.

Widerspruch kann manchmal Gewicht haben. Manchmal reicht das bloße Sehen des ausdrücklich dargelegten gegensätzlichen Falls aus, um zu erkennen, dass er berechtigt ist. Normalerweise helfen dafür jedoch Belege.

WH4: Gegenargument

Auf Stufe 4 erreichen wir die erste Art überzeugenden Widerspruchs, das Gegenargument. Bis zu diesem Punkt kann Kritik für gewöhnlich ignoriert werden, da sie nichts beweist. Gegenargumente können etwas belegen. Das Problem ist, dass es schwer ist, zu sagen, was.

Ein Gegenargument bedeutet Widerspruch plus Begründung oder Beweis. Wenn direkt auf das ursprüngliche Argument gezielt, kann es überzeugend sein. Unglücklicherweise ist es aber bei Gegenargumenten verbreitet, dass sie auf etwas geringfügig anderes abzielen. In den meisten Fällen streiten zwei leidenschaftlich argumentierende Menschen tatsächlich über zwei verschiedene Dinge. Manchmal sind sie sogar derselben Ansicht, aber mit ihrem Gezanke so beschäftigt, dass sie dies gar nicht bemerken.

Es kann einen berechtigten Grund geben, um gegen etwas zu argumentieren, das etwas von dem abweicht, was der Autor gesagt hat – wenn Sie das Gefühl haben, dass er den Punkt nicht trifft. Wenn Sie dies aber tun, sollten Sie ausdrücklich sagen, dass Sie dies tun.

WH5: Widerlegung

Die überzeugendste Art des Widerspruchs ist Widerlegung. Sie ist auch die seltenste, weil sie am meisten Arbeit bedeutet. Tatsächlich formt die Hierarchie des Widerspruchs eine Pyramide in dem Sinne, dass man, je höher man steigt, desto weniger Beispiele findet.

Um jemanden zu widerlegen, müssen Sie ihn wahrscheinlich zitieren. Sie müssen den entscheidenden Beweis finden, eine Stelle, die besagt, was Ihrer Ansicht nach falsch ist, und dann erklären, warum dies falsch ist. Wenn Sie kein Zitat finden können, dem Sie widersprechen können, streiten Sie möglicherweise mit einem »Strohmann«.

Während Widerlegung üblicherweise Zitieren mit sich bringt, impliziert Zitieren nicht notwendigerweise Widerlegung. Manche Verfasser zitieren Auszüge von Sachen, denen sie widersprechen, um erst den Anschein legitimer Widerlegung zu erwecken, nur um dann mit einer Antwort auf Stufe von WH3 oder sogar WH0 aufzuwarten.

WH6: Den Hauptpunkt widerlegen

Die Zugkraft einer Widerlegung hängt davon ab, was Sie widerlegen. Die mächtigste Form des Widerspruchs ist, den Hauptpunkt zu widerlegen.

Selbst auf der Ebene von WH5 sehen wir manchmal vorsätzliche Unredlichkeit, wenn jemand nebensächliche Punkte eines Arguments aufgreift und widerlegt. Die Wesensart, in der dies getan wird, entspricht manchmal eher einer kultivierteren Form eines »Ad Hominem«-Angriffs denn tatsächlicher Widerlegung, wie beispielsweise bei der Berichtigung der Rechtschreibung oder dem Herumreiten auf kleinen Fehlern bei Namen oder Zahlen. Solange das gegnerische Argument nicht genau davon abhängt, ist der einzige Zweck, derartige Fehler zu korrigieren, das Gegenüber zu diskreditieren.

Um wirklich etwas zu widerlegen, muss man sich um die Hauptpunkte kümmern, oder zumindest einen davon. Und das bedeutet, dass man sich ausdrücklich darauf festlegt, was der Hauptpunkt ist. Eine wirklich effektive Widerlegung würde entsprechend so aussehen:

Der Punkt des Autors scheint x zu sein. Er sagt:

[Zitat]

Dies ist aber falsch, aus den folgenden Gründen […]

Das Zitat, dass Sie als irrig anführen, muss nicht der tatsächlichen Aussage des Autors entsprechen. Es reicht aus, etwas zu widerlegen, auf dem die entsprechende Aussage basiert.

Was dies bedeutet

Nun verfügen wir über eine Methode, Widerspruch zu klassifizieren. Was bringt uns das? Etwas, das uns diese Hierarchie nicht gibt, ist, einen Gewinner zu bestimmen. WH-Stufen beschreiben lediglich die Art einer Aussage, nicht, ob diese korrekt ist. Eine WH6-Antwort kann immer noch völlig falsch sein.

Während WH-Stufen keine Untergrenze in bezug auf die Überzeugungskraft einer Antwort bestimmen, setzen sie dennoch eine Obergrenze. Eine WH6-Antwort mag nicht unbedingt überzeugend sein, ein Kommentar auf Ebene WH2 oder niedriger ist jedoch nie überzeugend.

Der offensichtlichste Vorteil darin, Formen des Widerspruchs zu klassifizieren, ist, dass es Menschen dabei hilft, besser zu beurteilen, was sie lesen. Insbesondere unterstützt es sie dabei, intellektuell unlautere Argumente zu durchschauen. Ein eloquenter Sprecher oder Schreiber kann den Eindruck erwecken, einen Gegner bloß durch mächtige Worte zu überwinden. Tatsächlich entspricht dies aber wohl einer Qualität, die einen Demagogen definiert. Indem den unterschiedlichen Arten des Widerspruchs Namen gegeben werden, geben wir kritischen Lesern eine Nadel, solche Ballons zum Platzen zu bringen.

Derartige Etiketten können Autoren ebenfalls helfen. Intellektuelle Unredlichkeit ist meistens unbeabsichtigt. Jemand, der Argumente gegen den Ton von etwas vorbringt, mit dem er nicht übereinstimmt, mag glauben, dass er wirklich etwas sagt. »Herauszoomen« und Betrachten der eigenen Position auf der Widerspruchsleiter mag dazu inspirieren, sich nach oben in Richtung Gegenargument oder Widerlegung zu bewegen.

Der größte Vorteil davon, gut zu widersprechen, ist jedoch nicht nur, dass dies Konversationen besser macht, sondern auch, dass dies die Leute, die daran beteiligt sind, glücklicher macht. Wenn Sie Konversationen studieren, bemerken Sie, dass eine Menge mehr Boshaftigkeit unten in WH1 als oben in WH6 steckt. Sie müssen nicht boshaft sein, wenn Sie eine wirkliche Aussage treffen wollen. In der Tat wollen Sie dies gar nicht. Wenn Sie wirklich etwas zu sagen haben, steht Boshaftigkeit nur im Weg.

Wenn es die Menschen weniger boshaft macht, sich auf der Widerspruchsleiter nach oben zu bewegen, wird es die meisten davon glücklicher machen. Die meisten Menschen mögen es nicht, boshaft zu sein; sie tun dies, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen.

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Stand: 19. Dezember 2008.