Jens Oliver Meiert

Vom Texten und Zutexten (Andreas Dölling)

Gastbeitrag von Andreas Dölling, 18. September 2007.

Ich höre einige sich damit entschuldigen, dass sie sich nicht gehörig ausdrücken können, wobei sie merken lassen wollen, als hätten sie den Kopf voll schöner Sachen, die sie aber aus Mangel an Beredsamkeit nicht von sich geben könnten. Das sind Luftstreiche! […] Es sind Wolkenbilder, die sie sich von dunklen Begriffen in den Kopf setzen, die sie nicht in ihrer Seele auseinandersetzen, sich nicht deutlich machen und folglich anderen nicht mitteilen können. Sie verstehen sich selbst noch nicht. Man sehe sie nur ein wenig darüber stottern, wenn sie solche zur Welt bringen wollen, so wird man leicht urteilen, dass es nicht Schmerzen der Geburt sind, sondern der Schwangerschaft und dass sie höchstens an ein Mondkalb lecken.

– Michel de Montaigne: Die Essais.

Inhalt

  1. Wir brauchen noch Texte!
  2. Drei Probleme
  3. Beispiele aus dem echten Leben
    1. Erstes Beispiel: Der Konzern
    2. Zweites Beispiel: Die Agentur
    3. Drittes Beispiel: Die »Web-Community«
  4. Finale mit Deppen Leer Zeichen
  5. Meine Tips

Wir brauchen noch Texte!

Erstaunlich finde ich immer wieder, wie wenig Wert Schöpfer und Betreiber von Websites auf die Texte legen, die sie veröffentlichen – und die letztendlich trotz Wäppzwonull und Multimedia das meistgenutzte Medium sind, um Inhalte zu vermitteln.

Es wird ewig an Logos gefeilt, über die Größe von Icons gestritten, darüber, ob Links unterstrichen sein sollen oder nicht und ob Standardschriftarten zum Design passen. Es werden selbst für kleinste Websites, die circa einmal in drei Jahren aktualisiert werden, Content-Management-Systeme aufgebaut mit komplexen Rechtearchitekturen und zwölfstufigen Freigabemechanismen. Es wird eine smarte Flash-Animation für rechts oben gebaut, mit hin- und herwuselnden Linien, verwischten Schemen und einem Werbespruch mit Rechtschreibfehler.

Und irgendwann ist alles fertig und man könnte sich endlich wieder wichtigeren Dingen als der Website zuwenden, als plötzlich jemand ruft: »Wir brauchen noch Texte!«

Richtig – die Texte, die ja bereits vor siebzehn Wochen geliefert werden sollten!

Na, die sind schnell geschrieben. Vom Chef ergeht im Zweifelsfall die Weisung an die arme Sekretärin, sich doch mal eben etwas auszudenken, darüber aber bitte die Buchhaltung und die dringenden Mahnungen, die raus müssen, nicht zu vergessen. Oder aber – bei größeren Firmen – die Marketing-Abteilung übernimmt das Verfassen der Texte, also die weitaus schlechtere Alternative im Vergleich zur zwar vielleicht nicht entsprechend ausgebildeten und zudem überlasteten, aber immerhin klar denkenden und sprechenden Sekretärin.

Ich polemisiere?

Mag sein, doch ich bewege mich sehr nahe an der Realität, denn ziemlich genau so verliefen die meisten Projekte, an denen ich bislang mitwirken durfte, unabhängig davon, ob der Kunde nun ein kleiner Mittelständler oder ein DAX-30-Unternehmen war und ob das jeweilige Webprojekt an sich interessant war oder Alltagskram.

Drei Probleme

Es ist immer dasselbe: Die Texte als Träger dessen, wofür die Website eigentlich gebaut wird, des Inhalts, der ja per CMS verwaltet werden soll, werden in schöner Regelmäßigkeit vernachlässigt. Dies führt fast zwangsläufig zu drei Problemen:

  1. Der textliche Inhalt steht, ob man es glaubt oder nicht, in engem Verhältnis zum Design einer Website. Es ist gut, wenn der Designer weiß, für welche Inhalte er den Rahmen schaffen soll, sowohl vom Umfang als auch von der Aussage her. Und auch für die Entwickler ist es zumindest nicht uninteressant, die Inhalte zu sehen, für die unter Umständen ein Redaktionssystem eingerichtet werden soll.

  2. Da die Texte in letzter Sekunde geschrieben werden, sind sie oft technisch fehlerhaft, also in bezug auf Rechtschreibung und Grammatik, fast immer aber mangelhaft in Sachen Verständlichkeit, Stil und Angemessenheit. Das hat nicht einmal unbedingt etwas mit den Fähigkeiten der Verfasser zu tun, sondern mit der zur Verfügung stehenden Zeit.

  3. Aufgrund der stiefmütterlichen Behandlung der Texte steht für diese Arbeit meistens ein knappes oder kein Budget zur Verfügung. Entsprechend selten können hier dann auch Fachleute aus dem Bereich, für den geschrieben werden soll, und professionelle Texter zusammenarbeiten. Dies führt dazu, dass entweder unverständliches Fachchinesisch herauskommt (übrigens auch eine nicht zu unterschätzende Barriere) oder aber schönes, aber inhaltsarmes Geschwurbel.

Texte fristen im aktuellen Weballtag in der Regel ein Paria-Dasein. Über Layouts wird diskutiert, an ihnen wird lange gefeilt, da mischt sich auch schon mal die Geschäftsführung des Kunden direkt ein. Wenn es um die technische Umsetzung geht, an die Programmierung, so gibt es immerhin von Seiten des Kunden noch relativ klare Vorstellungen darüber, was für Funktionen er haben möchte, und seitens der umsetzenden Agentur interne Qualitätsansprüche. Man hat entsprechend Zeit, man plant, man testet.

Für die Texte fühlt sich zumeist niemand so richtig zuständig. Und wie gesagt: Dies ist nicht nur bei Webprojekten kleiner Firmen der Fall.

Beispiele aus dem echten Leben

Erstes Beispiel: Der Konzern

Ich war an der Umsetzung eines Extranets für einen großen Konzern beteiligt, welches den zahlreichen Tochterunternehmen die Regeln und die erforderlichen Materialien für das »Corporate Design« zur Verfügung stellen sollte. Zum Thema »CD im Internet« finden sich dort noch heute solche Sätze:

»Das Internet ist inzwischen zu einem wichtigen und vielseitigen Kommunikationsmedium geworden.« – Hört, hört!

»Deshalb ist die einheitliche Präsenz aller XYZ Unternehmen ein wesentliches Element der weltweiten Markenkommunikation des Konzerns.« – Bitte wie? Die Präsenz ein Element? Marken kommunizieren? Miteinander? Oder wie? Und immerhin ein Deppenleerzeichen, denn es müsste natürlich korrekt heißen »XYZ-Unternehmen«.

»Um eine komfortable Benutzung der zukünftigen Webauftritte zu garantieren, wird die Analyse der angebotenen Informationen sowie deren Struktur nach den Prinzipien der Usability und Accessibility empfohlen.« – Was es nun mit Usability (Benutzbarkeit) und Accessibility (Zugänglichkeit) auf sich hat, wird allerdings nirgendwo erwähnt. Und pikanterweise findet sich auf derselben Seite noch dieser Satz:

»Zur Benutzung der Webseiten ›Corporate Design für das Internet‹ ist Javascript notwendig.«

Ein weiteres Fundstück: »Das Raster des Internet-Auftrittes schafft klare visuelle Hierarchien. Die einzelnen Bereiche des Rasters beinhalten definierte Funktionen.« – Was genau sind visuelle Hierarchien? Und hätte man nicht auch so etwas schreiben können wie: »Der Aufbau der Webseiten richtet sich nach einem Raster. Jeder Bereich des Rasters ist für bestimmte Funktionen und Inhalte vorgesehen.«?

Es geht weiter: »Alle Navigationselemente im Corporate Design sind so konzipiert, dass der Nutzer die Möglichkeit besitzt, schnell und zielgerichtet an die gewünschten Informationen zu kommen.« – Informationsgehalt? Null.

Und zum Thema »Icons« findet sich noch diese erhellende Sentenz: »Das Corporate Design für das Internet sieht eine Reihe von Graphikelementen vor, die die Optik der Webseite visuell und funktionell beeinflussen.« – Das ist, mit Verlaub, Sprachmüll.

Zweites Beispiel: Die Agentur

Man kann aufs Geratewohl ins Internet spazieren und muss gar nicht lange nach ähnlichen Blindtexten suchen. In der Selbstbeschreibung einer Webagentur las ich kürzlich dies:

»Wir helfen Ihnen, neue Wege zu gehen.« – Und wenn der Kunde gar keine neuen Wege will? Überhaupt; was für Wege, Wege wohin?

»Gemeinsam mit Ihnen entwickeln wir innovative Geschäftsideen im Internet und mit dem Internet.« – Während andere Agenturen ja davon leben, dass sie dem Kunden abgekupferte Lösungen andrehen, natürlich ohne mit ihm zu reden. Meine Güte, »innovative Ideen entwickeln«. Das ist schon ein Ding! Und das Ganze zusammen mit dem Kunden und dem Internet.

»Wir zeigen Ihnen, wie Sie neue Technologien effektiv einsetzen und durch maximale Kundenorientierung langfristig Kundenbindung aufbauen.« – Ich habe ja einmal versucht, Hegel zu lesen. Da habe ich am Ende des Satzes auch meistens nicht gewusst, was mir der Autor da mitteilen wollte.

Drittes Beispiel: Die »Web-Community«

Auch ein eigentlich sehr schönes Projekt, an dem ich mitgewirkt habe, krankt an den im letzten Augenblick atemlos heruntergeschriebenen Texten. Es handelt sich um ein Portal, eine »Netz-Community«, von der ein nicht eingeloggter Besucher fast gar nichts zu sehen bekommt. Um so wichtiger wären ja Texte, die sein Interesse wecken. Nun bekommt er allerdings so etwas vorgesetzt (von mir anonymisiert):

»Nachrichten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur informieren Sie aktuell über die Entwicklungen in (irgendwo in Deutschland). Diskutieren Sie mit, knüpfen Sie Kontakte, initiieren Sie Kooperationen: Im Netzwerk der (Netzwerk-Mitglieder). (Das Netzwerk) wurde initiiert von (einer Institution) und (einer anderen Institution). Denn wenn Wissenschaft und Wirtschaft zusammenarbeiten, können wir dem Innovationsprozess in der Region wesentliche Impulse geben.« – Ja, na ja, ich darf also diskutieren und irgendwie kooperieren. Und, okay, es gibt Nachrichten aus der Region.

Vielleicht finde ich auf der Seite »Was ist (das Netzwerk)?« konkretere Informationen?

»Begegnen Sie interessanten Menschen, diskutieren Sie im Forum und seien Sie unser Gast bei der jährlichen (Netzwerk)-Gala.« – Schon wieder diskutieren. Worüber soll ich denn ständig diskutieren? Und was für eine Gala ist das? Das interessiert mich, aber es ist keine weitere Information dazu zu finden.

Ich versuche es noch mit der Seite »Mission Statement«, wobei mir auffällt, dass in der Navigation englische und deutsche Bezeichnungen wild und willkürlich gemischt sind.

»(Die Website) bietet Freunden und Alumni eine gemeinsame Plattform, auf der sie Erfahrungen austauschen, Kooperationen initiieren und ihr Netzwerk erweitern können.« – Wieder Austausch und Kooperation. Und welches Netzwerk meinen die denn; habe ich denn eins?

»Nachrichten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur liefern den (Mitgliedern) aktuelle Informationen über Entwicklungen in (irgendwo in Deutschland).« – Ja, die Regionalnachrichten. Schön.

»Die Mitglieder des Netzwerkes können hier persönliche Kontakte pflegen – etwa auf der jährlichen (Netzwerk)-Gala und weiteren Veranstaltungen.« – Hmm, meine persönlichen Kontakte pflege ich woanders. Und diese Gala, ja Himmelsackzement, was für eine Gala ist das denn? Ich runzle die Stirn und suche und schaue und – und schon bin ich weg, auf irgendeiner anderen interessanten Website.

Finale mit Deppen Leer Zeichen

Ich könnte hier endlos weitere Beispiele aufführen, aber da ein Text auch einen dem Medium und dem Anliegen angemessenen Umfang haben sollte, will ich es bei den obigen Beispielen bewenden lassen. Sie zeigen deutlich genug, was das Problem ist: Text verkommt auf vielen Websites zu reinem Füllstoff, mit dem die sich zwischen den Layout-Elementen und Bildern ergebenden Hohlräume zugekleistert werden.

Und zur inhaltlichen Fadenscheinigkeit der Texte gesellen sich dann eben noch grammatische und orthographische Fehler, unnötiger und unverständlicher Fachjargon und falsches (Pseudo-) Englisch.

Manche Fehler werden sogar vom Kunden erzwungen. So schreiben die »Corporate Identity«-Regeln eines Unternehmens, an dessen Projekten ich mitgewirkt habe, vor, dass zusammengesetzte Begriffe mit dem Firmennamen niemals mit Bindestrich zu schreiben seien, weil dies die Unantastbarkeit des Markennamens verletze. Ergo wird das Deppenleerzeichen erzwungen, indem der Texter eben nicht korrekt »Mustermann-Website«, sondern CI-konform »Mustermann Website« schreiben muss.

Dass das Deppenleerzeichen auch unter den neuen deutschen Rechtschreibregeln falsch ist, haben ja mittlerweile ohnehin schon erstaunlich viele Menschen vergessen, auch solche, die beruflich mit der deutschen Sprache zu tun haben. Ich gehöre sicherlich nicht zu den verknöcherten Sprachstalinisten, die am liebsten statt Mainboard das Wort Hauptplatine zwangseinführen möchten, aber das Deppenleerzeichen stört mich, weil es nichts, aber auch gar nichts vereinfacht, sondern einfach nur blöde ist.

Der Siegeszug dieses falschen Auseinanderreißens zusammengesetzter Wörter ist hier zwar ein wenig »off-topic«, zeigt aber auch, welchen Wert Texte und Sprache an sich für uns haben …

Meine Tips

Und damit zurück ins Funkhaus!

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Stand: 18. September 2007.

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