Jens Oliver Meiert

Das Problem des »Fire and Forget« im Webdesign

Artikel vom 16. November 2016. ISSN 1614-3124, #52.

Sollte ich das Hauptproblem in unserem Feld – Webdesign – wählen, so könnte ich nicht sofort antworten. Ich denke nicht, dass es derer so sonderlich viele gibt, aber es gibt dennoch ein paar, sie sind sehr unterschiedlich, sie betreffen unterschiedliche Sphären und sie sind schwer zu vergleichen. Wir haben einige auch bereits behandelt, als ich über übereifrige Standardentwicklung, mangelndes Maßschneidern, fehlende Code-Nachoptimierung, niedrige Informationsdichte und ähnliches schrieb. Diese sind selbst Symptome, aber wenn wir über den wunderbaren kreativen Antrieb sprechen, der das Web bewegt, finden diese Probleme ihren Ursprung im anscheinend unüberwindbaren Widerstand, langfristige Qualität anzustreben.

Wir widmen uns einem anderen Symptom, das langfristige Qualität vereitelt: Die Angewohnheit von »Fire and Forget«, von Feuern und Vergessen.

Qualität ist irgendwie wichtig in dieser Gegend.

Abbildung: Falls das noch nicht bekannt war.

Die Praxis des »Fire and Forget« besteht im Grunde darin, etwas zu tun und das Getane dann nie wieder anzuschauen, geschweige denn anzufassen. Sie ist besonders beliebt unter Agenturen und Marketing-Teams, zeigt sich meiner Erfahrung nach aber überall einmal. Vielleicht geht es sogar uns selbst so, mit Projekten, die wir irgendwann einmal gestartet aber dann nie wieder eines Blickes gewürdigt haben.

Es gibt zwei große Probleme mit »Fire and Forget«.

Das eine ist, dass es nicht funktioniert (und es ist ein Trugschluss, dass es das je tun würde). Während jemand, der ursprünglich eine Idee hatte und diese vielleicht auch ausführte, entsprechendes Projekt vielleicht nie wieder sieht und auch nie wieder daran arbeitet (erfolgreich »gefeuert und vergessen«), muss immer irgend jemand mal aufräumen.

Das andere ist, dass der Ansatz komplett außer acht lässt, dass Webdesign ein Prozess ist und das »Vergessen« von Projekten letztlich schlechte Ergebnisse und Nutzererfahrungen bedeutet. In dieselbe Kerbe schlagend führt die laienhafte Annahme, man könnte das, was man mal umgesetzt hat, wirklich vergessen und niemals wieder anfassen, zu Wartungsdesastern. Wir sollten es ebenfalls als Gesetz betrachten, dass »man nicht nicht warten kann« [dazu kam es dann auch].

Was aber hat uns überhaupt hierher geführt? Zwei Sachen.

Zum einen scheint langfristiges Denken im Internet etwas kaputt zu sein. Langfristig? Egal. Die Wartbarkeit von Websites sollte ein Stützpfeiler in jedem Curriculum sein, aber wenn wir Glück haben finden wir zum Thema auch nach 100 Jahren mal gerade einen mageren Ratgeber. Wartung mag in manchen Firmen schon zu Milliardenausgaben führen, aber keiner zuckt mit der Wimper, das auch zu bezahlen. Es weht ein allumfassender, unheimlicher Wind von YOLO, der jeden heute geschäftig erscheinen, aber nie über Langzeitfolgen nachdenken lässt. »Fire and Forget.«

Zum anderen ist da das blanke Unwissen. Wir können nicht erwarten, dass Agenturverkaufsleute oder Marketingpros wissen, dass Websites und -apps gewartet werden müssen. (Oder können wir?) Wir können nicht erwarten, dies in Verhandlungen zu berücksichtigen, um klügere Verträge abzuschließen, die besser für Kunden und besser für die Umsetzenden sind, da man sich durch gewartete, eben nicht vergessene Dienste auf den Nutzer konzentrieren würde. Wir können nicht erwarten, dass Leute die Kurzsichtigkeit hinter sich lassen, die auch andere Bereiche unseres Lebens berührt. (Ich eile mir selbst voraus.)

»Fire and Forget« ist nur eins unserer Probleme im Bereich Webdesign; symptomatisch, nicht ursächlich. Der Punkt aber ist, dass es ein toxisches Problem ist, exemplarisch für einen guten Teil unserer Malaise, die viele der guten, kreativen Dinge zerfrisst und zerrottet, die wir sonst im Web sehen. Das täte uns gut, zu verstehen.

Über den Autor

Jens Oliver Meiert, Foto vom 27. Juli 2015.

Jens Oliver Meiert ist ein deutscher Philosoph und Entwickler (Google, W3C, O’Reilly). Er experimentiert mit Kunst und Abenteuer. Hier auf meiert.com teilt und verallgemeinert und übertreibt er einige seiner Gedanken und Erfahrungen.

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Stand: 16. November 2016.

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