Jens Oliver Meiert

Webdesign 2006: Persönliche Trends, Erwartungen und Wünsche

Interview vom 12. Januar 2006, exklusiv für Jörg Petermann.

Jörg Petermann:

Hallo Jens, herzlich willkommen zum kleinen Webdesign-Talk auf einfach-persoenlich. Ich freue mich, dass du etwas Zeit für ein Gespräch gefunden hast. Auch du hast dich als frischgebackener Buch-Autor im letzten Jahr einmal mehr mit Webdesign im Allgemeinen, XHTML und CSS beschäftigt. Ich bin gespannt, welche Trends und Erwartungen du für das Webdesign-Jahr 2006 hast.

Bevor wir thematisch einsteigen, wolltest du aber noch einige Grundgedanken und Vorbemerkungen vorausschicken. Was genau geht dir da speziell durch den Kopf? Welche persönlichen Trends, Erwartungen und Wünsche hast du im Bereich Webdesign?

Jens Oliver Meiert:

Da muss ich doch etwas schmunzeln: Gut, dass du die Frage eher optimistisch stellst und nicht direkt nach Bedenken fragst.

Als Trend sehe ich ganz klar ein Bekenntnis von immer mehr Webdesignern und -entwicklern zu Webstandards und Barrierefreiheit, und auch in bezug auf die Benutzerfreundlichkeit wird sich die positive Tendenz festigen. Leider wird sich aber auch ein negativer Trend fortsetzen, den wir in den vergangenen Jahren beobachten konnten: Viele Websites werden technische Standards nicht beachten und unzugänglich bleiben, und wir werden – wie 2005 jüngst mit Disney und ESPN – erneut beobachten, wie manche wieder vom Pfad abweichen.

Erlaube mir, dass ich diesen Umstand gleich an einer Sache festmache: Ausbildung. Ich kürze gerne ab – es gibt keine Ausbildung oder Studium für Webstandards und Barrierefreiheit, und dies betrifft ebenso andere Themen, die wir für unsere Profession brauchen, nehmen wir mal Nischen wie SEO oder Web Credibility.

In Unternehmen sieht es nicht anders aus, dort wird den aufstrebenden Webdesignern und -entwicklern doch heute noch beigebracht, wie sie mal eben schnell eine siebzehnfach geschachtelte Tabelle für die neue Corporate Identity zusammenflippern. Und dann sind es eine Vielzahl Quellen im Internet, die nicht gerade tauglich sind, um gutes Webdesign zu erlernen, in vielen Foren finden wir doch die modernen Gebrüder Grimm wieder. Dies ist kein Vorwurf gegen all unsere talentierten und tüchtigen Kollegen, sondern ein Appell an uns, die wir dessen gewahr sind, uns nicht nur ständig weiterzubilden, sondern zu »evangelisieren«, zu publizieren, zu schulen und manchmal vielleicht auch zu schreien.

Meine Erwartungen lassen sich auf eins reduzieren: Ich erwarte mehr Kritik, an sich selbst und an anderen, und daraus die Motivation, sich zu verbessern. Das ist gleichzeitig auch mein einziger Wunsch. Das Internet offeriert in der Theorie jedem, jederzeit auf alle Informationen zugreifen zu können, das ist ja das Fantastische an dieser Erfindung. Wir müssen dafür sorgen, dass dies auch Realität wird. Wenn ich das zum Verständnis hinzufügen darf: Webstandards, Barrierefreiheit und Benutzerfreundlichkeit sind dafür essentiell, denn sie erst ermöglichen, dass Informationen Mensch und Maschine tatsächlich zugänglich(er) sind.

Petermann:

Wenden wir uns nun einmal einigen konkreten Themengebieten zu. Beginnen wir mit den Farben. Momentan werden hellere Farben wie auch Pastelltöne öfter genannt. Welche Erwartung hast du bezüglich der Webdesignfarben 2006?

Meiert:

Keine besonderen, ich darf zugeben, dass ich darin weder sehr versiert bin noch solchen Prognosen viel Gewicht beimesse. Das will ich lieber meinem geschätzten Freund und Kollegen Ingo Helmdach überlassen, der als Designer zusammen mit mir unser Buch Webdesign mit CSS gezaubert hat.

Ich wage vielmehr einen weiteren kleinen Exkurs. Was ich in bezug auf Farben sehr faszinierend finde, ist, dass sie in unterschiedlichen Kulturkreisen so unterschiedliche Bedeutung haben können. Während in westlichen Ländern die Farbe rot für Gefahr steht, bedeutet sie in Ägypten Tod, in China aber Glück. Oder gelb, eine Farbe, die in westlichen Gefilden unter anderem für Feigheit steht, bedeutet in Indien Erfolg. Für Webdesign mit internationalem Fokus eine interessante Herausforderung.

Petermann:

AJAX und Tags haben 2005 enorm an Zuspruch gewonnen und liegen stark in der Nachfrage. Wie schätzt du die Entwicklung ein? Wo siehst du die weitere Entwicklung aus deiner Sicht?

Meiert:

Beide, AJAX wie auch Taxonomien, werden 2006 an Popularität weiter zulegen.

An AJAX haften vor allem zwei Dinge, zum einen, dass es droht, zum »Schlagwort« zu verkommen, da AJAX für viele ganz banal ein »Allheilmittel« und »die Zukunft« darstellt. Zum anderen kaschiert der ganze AJAX-Hype die eigentlichen Probleme, die wir haben, nämlich erstmal standardkonforme, zugängliche und benutzerfreundliche Informationsangebote zu gestalten.

Das wird sogar noch dadurch verstärkt, dass AJAX neue Probleme »einschleppt«, wenn AJAX-Anwendungen zum Beispiel den »Zurück«-Button aushebeln. AJAX wird 2006 auf jeden Fall mitbestimmen, aber ob wir für einen solchen Schub bereit sind, ist wohl noch zu verneinen.

Bei Taxonomien, wie AJAX eigentlich etwas Altbekanntes, sieht es ganz anders aus, nahezu logischerweise, da es sich um etwas ganz anderes handelt. Taxonomien sind aus Sicht von Informationsarchitektur und auch Benutzerfreundlichkeit äußerst interessant, denn sie stellen eine alternative Art der Informationsorganisation dar, die größtenteils nutzerbestimmt ist.

Für Taxonomien sehe ich 2006 weniger Entwicklungsraum als für AJAX, und es wird interessant sein, mehr darüber herauszufinden, wie gut sie sich als Organisationsform tatsächlich eignen und wie Benutzer mit ihnen zurechtkommen. Persönlich habe ich dazu noch keine Nutzertests durchgeführt, und ich kenne bisher auch nur wenige Ergebnisse solcher Tests.

Petermann:

Webdesign und Weblayouts, ob Fluid Layout oder deren Größe sind immer wieder ein Thema für Spekulationen. Was denkst du darüber?

Meiert:

Da empfehle ich ganz deutlich: Die kleinste (zu unterstützende) Auflösung bestimmen, mit der Benutzer das jeweilige Informationsangebot aufsuchen – dies wird in den meisten Fällen noch 800×600 Pixel sein – und dann ein liquides Layout, das diese Auflösung noch unterstützt, darüberstülpen.

Warum? Das ist im Wesentlichen eine Entscheidung, die durch Usability und das Ziel einer positiven Nutzererfahrung getrieben sein muss. Wir sind uns sicher alle einig, dass es kaum etwas Ärgerlicheres gibt, als eine in der Horizontalen abgeschnittene Webseite. Für manche Menschen ist vertikales Scrollen schon ein echtes Problem (ja), horizontales Scrollen ist aber für fast jeden weniger noch ein Problem als vielmehr ein wahres Ärgernis. Somit ist klar, dass wir nicht auf 1.024×768 Pixel »optimieren« wollen, wenn wir es dabei, na, zehn Prozent der Besucher erschweren, das Angebot zu benutzen – oder diese entnervt verschwinden.

Die Wahl eines liquiden Layouts schlägt fast in dieselbe Kerbe, schließlich minimiert die bessere Ausnutzung des sichtbaren Bereichs auch die Größe oder gar das Vorhandensein von Scrollbalken. Wichtiger aber noch ist dabei, dass mehr Inhalte gezeigt werden können, Inhalte, die Besucher suchen, Inhalte, wegen denen Besucher erst kommen. Ich möchte hier etwas abkürzen und verweise allein auf die fünfzehntausend Studien- und Testergebnisse von unser aller Jakob Nielsen, die dies um so mehr unterstreichen.

Petermann:

Viel Abwechslung gibt es bei den Webschriften nicht. Dennoch zeichnen sich immer wieder einige Trends ab. Welche fallen dir besonders auf?

Meiert:

Nun, mit Windows Vista wird ja einigen neuen Schriften (wie der Segoe UI) zu großer Verbreitung verholfen werden. Das ist immerhin etwas, wenn auch aus typographischer Sicht wohl nicht allzu berauschend. Ansonsten aber sehe ich nur einen »Trend«: Image Replacement, also auf CSS, JavaScript, PHP oder auch Flash basierende Bildersatztechniken, über die man durchaus auf semantisch korrekte und zugängliche Weise Seitenelemente mit Hilfe von Bildern mit der Schrift seiner Wahl versehen kann.

Petermann:

Webstandards sind dir ein besonderes Anliegen. Was meinst du, welche Fortschritte werden wir 2006 bei den Webstandards erleben können?

Meiert:

Wie eingangs erwähnt gehe ich von einer gewissen »Schere« aus, also auf der einen Seite immer mehr Webdesigner und -entwickler, die Webstandards treu sind, auf der anderen Seite aber auch Rückschläge, wenn Unternehmen den Sprung nicht schaffen oder gar wieder »rückfällig« werden. Ich gehe davon aus, dass sich diese Entwicklung auf Jahre hält. Blogsoftware kommt mittlerweile zwar zumindest valid daher, was uns von der Masse her begeistert, aber ein hochfrequentiertes Unternehmensangebot in Richtung Webstandards zu führen – und dort zu halten –, ist doch ein ganz anderer Schnack.

Ähnlich sehe ich es auch aus »philosophischer« Sicht. Zur »Philosophie« beachte man nur die Diskussionen um sIFR und Conditional Comments. Weder ist das sifr-Attribut Teil irgendeines Webstandards, noch sind dies Conditional Comments. Ich möchte beide Diskussionen hier nicht neu entfachen, aber sie veranschaulichen doch, dass es zwei Arten von Webstandard-»Advokaten« gibt, nenne ich sie mal so: Die Pragmatiker und die Strikten, die »Korinthenkacker«, wenn man so will. Ich bin ein Korinthenkacker, wenn es um Webstandards geht. Wenn wir uns nicht an Standards halten, brauchen wir nicht jammern. Und letztlich auch keine Standards.

Aus technischer Perspektive wird sich 2006 noch mal mehr in bezug auf CSS 3 und XHTML 2.0 ergeben, aber auch wenn einige Browser-Hersteller voranstürmen und unfertige Spezifikationen implementieren, müssen wir dies erstmal abwarten. HTML 5 wird vielleicht die Überraschung des Jahres, aber da möchte ich nur ungern eine Prognose abgeben.

Petermann:

Was wäre das Internet ohne Browser? Im letzten Jahr hat der Firefox-Browser die Landschaft maßgeblich mit geprägt. Für das neue Jahr steht die Version 7 des Internet Explorers ins Haus. Welche Erwartungen hast Du bezüglich der Browser-Entwicklung?

Meiert:

Nur die, dass hoffentlich auf proprietäre Erweiterungen verzichtet wird und möglichst viel aus stabilen Spezifikationen implementiert wird. Mir ist es lieber, wenn CSS 2.1 umfassend unterstützt wird, als dass ein bisschen CSS 2.1 und ein bisschen vom noch nicht verabschiedeten CSS 3 angewendet werden kann.

Den Internet Explorer 7 begrüße ich sehr, aber auch nur, wenn Microsoft danach nicht wieder vier oder fünf Jahre Pause macht. Bei dem Tempo bei der Weiterentwicklung von existierenden Standards (HTML/XHTML und CSS) wird sonst binnen eines Jahres die Kluft wieder so groß sein, dass der Status Quo wiederhergestellt ist. Und das wünscht sich wohl niemand.

Petermann:

Weblogs folgen aus Erfahrung einem eher klassischen Design. Welche Erwartungen verbindest du mit der Weiterentwicklung des Weblog-Designs?

Meiert:

Ich empfinde Blog-Design als recht neu und eigenen »Gesetzen« folgend. Im Durchschnitt sind sie, was die Usability anbelangt, noch schwächer als andere Informationsangebote. Das muss sich ändern, stellt aber eine besondere Herausforderung dar, da schon »out of the box« ein besser funktionierendes Design erforderlich ist. Und Blogger ein Volk für sich sind.

Einen Wunsch möchte ich nun doch noch loswerden, und er darf ruhig am Ende stehen: Wenn ein Thema nicht vergessen werden sollte, gerade 2006, dann ist das Ladezeit. Die Tendenz geht dahin, dass immer mehr Menschen über immer schnelleren Internetzugang verfügen. Und was wird daraus abgeleitet? Dass Webseiten mitsamt ihrer Bilder auch ruhig immer größer werden dürfen. Ich wünsche mir, dass dieser Trend 2006 zumindest einen Gegentrend erhält – immer schneller ins Internet, aber immer weniger zu laden. »Realtime-Surfen« ist eine Erfahrung, die uns allen noch fehlt. Eine gute Erfahrung.

Petermann:

Vielen herzlichen Dank, Jens. Es war interessant, mit dir über Webdesign, Trends und deine persönliche Erwartungen für 2006 zu sprechen. Ich wünsche dir persönlich und beruflich Erfolg sowie deinem Buch viele interessierte und begeisterte Leser.

Meiert:

Ich danke ebenso, das Vergnügen war ganz auf meiner Seite.

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Stand: 12. Januar 2006.

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