Jens Oliver Meiert

Kognitive Behinderungen I (WebAIM)

Übersetzung eines Artikels von WebAIM vom 7. September 2004 (↻ 25. MĂ€rz 2008).

Wir wissen immer noch zu wenig, und wir tun noch viel weniger

Kognitive Behinderungen entsprechen den unter Webentwicklern am wenigsten verstandenen und diskutierten Behinderungen. Dies fĂŒhrt dazu, dass Entwickler Inhalte selten so entwerfen, dass sie Menschen mit kognitiven Behinderungen zugĂ€nglich sind – und es ist unwahrscheinlich, dass sich das ĂŒber Nacht Ă€ndert, da die auf Barrierefreiheit im Internet bezogene Forschung relativ spĂ€rlich ist. Ohne grĂ¶ĂŸere ForschungsbemĂŒhungen ist das Entwerfen fĂŒr Menschen mit kognitiven Behinderungen spekulativer, vager sowie zudem schwieriger zu implementieren. Um die Sache noch komplizierter zu machen, entsprechen viele geistige BeeintrĂ€chtigungen eher unzureichend definierten Gebieten innerhalb der Forschung, da einige Behinderungen aufgrund der nicht unerheblichen Abweichungen, die es bei Menschen, die unter Ă€hnlichen AusprĂ€gungen leiden, gibt, manchmal schwierig zu diagnostizieren und charakterisieren sind.

Aufgrund eben dieser problematischen Natur des Definierens und Kategorisierens von kognitiven Behinderungen sollte es keine Überraschung sein, dass die Wissenschaft in Bezug auf kognitive Behinderungen bislang noch keine insgesamt ausreichenden Empfehlungen fĂŒr Webentwickler hervorgebracht hat. Das soll aber nicht heißen, dass es keine Empfehlungen gibt. Einige Empfehlungen wurden in die Web Content Accessibility Guidelines des W3C integriert, wĂ€hrend weitere an anderer Stelle vorgeschlagen wurden. Das Problem besteht darin, dass der Mangel an unterstĂŒtzender Erforschung solcher Empfehlungen fĂŒr latente Zweifel sorgt, was ihre PrĂ€zision und VollstĂ€ndigkeit anbelangt.

  1. Das erste Ziel dieses kurzen Artikels ist, weitere Forschung zu ermutigen, die sich dem Gebiet des Entwerfens von Inhalten fĂŒr Menschen mit geistigen Behinderungen widmet.

  2. Das zweite Ziel dieses Artikels ist, Entwickler zu ermutigen, sich ernsthaft mit Benutzern mit kognitiven Behinderungen zu befassen. Es gibt weitaus mehr Benutzer mit kognitiven Behinderungen als mit allen anderen Behinderungen zusammen – wenn man Lern- und Lesestörungen, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrome (ADS) und andere Konditionen miteinbezieht.

  3. Das dritte Ziel dieses Artikels ist, eine vorlĂ€ufige bzw. provisorische Liste von Empfehlungen zu veröffentlichen und um RĂŒckmeldung und Anmerkungen dazu zu bitten.

Die folgende Liste an Empfehlungen ist weder endgĂŒltig noch allumfassend. Nicht alle dieser Empfehlungen sind leicht zu implementieren, noch sind sie unter allen UmstĂ€nden notwendig, und nicht alle sind gleichartig anwendbar auf alle kognitiven Behinderungen. Um die Sache noch komplizierter zu machen, können manche dieser Empfehlungen sogar mit bestimmten Barrierefreiheitsrichtlinien in Konflikt stehen. Diese Konflikte können akut oder auch nicht sein, abhĂ€ngig davon, wie diese Empfehlungen implementiert wurden (beachten Sie dazu auch den Artikel ĂŒber visuelle vs. kognitive Behinderungen). Letztlich wird nicht jeder auf dem Gebiet der kognitiven Behinderungen unbedingt zustimmen, was die GĂŒltigkeit oder Exaktheit dieser Empfehlungen betrifft. Diese Empfehlungen basieren auf einer Kombination aus existierender Forschung, gemeinschaftlich angenommenen optimalen Vorgehensweisen sowie wohldurchdachten Annahmen.

Diese Liste von Empfehlungen kann fĂŒr Entwickler bereits in ihrem gegenwĂ€rtigen Zustand nĂŒtzlich sein, aber die Hoffnung geht dahin, dass Forscher und Entwickler diese als zu evaluierende Hypothesen behandeln. Bitte prĂŒfen Sie diese Empfehlungen auf Herz und Nieren! WebAIM ist daran interessiert, ĂŒber jegliche auf diese Themen bezogene Forschung zu erfahren.

Empfehlungen, Webinhalte Menschen mit kognitiven Behinderungen zugÀnglich zu machen

  1. Erstellen Sie umwandelbare, »reichhaltige«, multimodale Inhalte.

    1. Umwandelbar:

      1. Erlauben Sie Schrift, vergrĂ¶ĂŸert zu werden.

        Das Vermögen, Schrift zu vergrĂ¶ĂŸern, hĂ€ngt von den FĂ€higkeiten des User-Agents (Browser) ab, jedoch sollten relative Einheiten absoluten Einheiten vorgezogen werden. Nutzen Sie zum Beispiel eher em oder % als pt oder cm.

      2. Verwenden Sie eher echten oder vektorbasierten Text als Text in rasterbasierten Bildern, um eine qualitativ bessere VergrĂ¶ĂŸerung ohne »Verpixelung« zu ermöglichen.

        Reiner Text ist immer die beste und am besten manipulierbare Methode, textliche Inhalte zu ĂŒbertragen. Wenn Text innerhalb von Graphiken oder »reichhaltigen« Medien gebraucht wird, lassen sich vektorbasierte Formate (wie Flash oder SVG) besser vergrĂ¶ĂŸern als rasterbasierte Formate (wie JPG, GIF oder BMP).

      3. Bieten Sie alle Inhalte in einem Textformat an, so dass sie von Text-nach-Sprache-Synthesizern vorgelesen werden können.

        Inhalte können als reiner Text, HTML, als alt-Text bei Bildern oder in irgendeiner anderen Form als Text vorliegen, auf den ĂŒber assistive Technologien zugegriffen werden kann. Es mag unter bestimmten UmstĂ€nden sinnvoll sein, die Textversion von der Medienversion zu trennen (zum Beispiel bei Transkriptionen fĂŒr Videos).

    2. Multimodal:

      1. Illustrieren Sie Konzepte mit Zeichnungen, Diagrammen, Fotos, Audio-Dateien, Videoklips, Animationen und anderen nicht-textlichen Medien.

        Kommunizieren Sie mit dem Benutzer durch so viele verschiedene sensorische ModalitÀten und Eingabemodi wie möglich (Sehvermögen, Gehör, Interaktion, Vorlesen &c.), um die Chance zu erhöhen, dass die Inhalte verstanden werden.

      2. Bieten Sie synchronisierte Untertitel und Transkriptionen (Abschriften) fĂŒr die Audiospuren zeitbasierter Medien.

        FĂŒgen Sie Videos Untertitel hinzu (zum Beispiel ĂŒber SGML oder SAMI) und bieten Sie Links zu Abschriften.

      3. Bieten Sie Audiobeschreibungen von visuellen Ereignissen in zeitbasierten Medien.

        ErzÀhlen Sie von den in Videos sichtbaren Aktionen, so dass diese allein durch Zuhören verstanden werden können.

  2. BĂŒndeln Sie die Aufmerksamkeit des Benutzers.

    1. Sensorischer Fokus:

      1. Verwenden Sie eher weiche Farben (zum Beispiel Pastelltöne) fĂŒr graphische Elemente als stark kontrastreiche Farben. (Anmerkung: Dies wird so nicht ĂŒberall als gĂŒltig angesehen.)

        Wenn Sie Hintergrundfarben gebrauchen, um Abschnitte auf einer Seite zu differenzieren, bevorzugen Sie weiche gegenĂŒber kontraststarken Farben.

      2. Begrenzen Sie die Zahl von Schriftarten in einem Dokument.

        Verwenden Sie in jedem Dokument nur eine Schrift bzw. eine nur geringe Anzahl Schriften.

      3. SchrÀnken Sie die Verwendung von Kursivschrift oder Versalien ein.

        Vermeiden Sie Kursivschrift und Versalien (Großbuchstaben) im grĂ¶ĂŸtmöglichen Maße, um die Lesbarkeit zu verbessern.

      4. Vermeiden Sie HintergrundklÀnge, die den Benutzer ablenken (zum Beispiel Hintergrundmusik).

        Gestatten Sie dem Benutzer, sich auf den Hauptinhalt zu konzentrieren, ohne von irgendwelchen KlÀngen abgelenkt oder irritiert zu werden.

      5. Verwenden Sie GerĂ€usche, um die Aufmerksamkeit des Benutzers zu bĂŒndeln (bieten Sie Hilfestellung, weisen Sie auf Fehler hin &c.).

        Bieten Sie hörbare Anhaltspunkte, die dem Benutzer helfen, sich auf den Inhalt zu konzentrieren.

      6. Integrieren Sie Leerraum um Inhalte herum sowie zwischen AbsĂ€tzen und Überschriften.

        Pressen Sie das Design nicht zusammen.

      7. Vermeiden Sie komplexe oder »konfuse« HintergrĂŒnde.

        Erstellen und setzen Sie keine belanglosen visuellen »Informationen« ein, die vom eigentlichen Inhalt ablenken.

    2. Inhaltlicher Fokus:

      1. Stellen Sie die wichtigen Bereiche (SchlĂŒsselstellen) eines Absatzes im ersten Satz dar.

        Verstecken Sie wichtige Punkte nicht in der Mitte eines Absatzes bzw. Abschnitts.

      2. Organisieren Sie Inhalte ĂŒber Überschriften, Listen und andere visuell bedeutungsvolle Organisationsmuster in gut definierten Gruppen oder Abschnitten.

        Machen Sie die Struktur von Dokumenten so offensichtlich wie möglich.

      3. Heben Sie Textpassagen hervor, wenn sie vorgelesen werden (oder erlauben Sie Benutzern, diese Option zu aktivieren).

        Diese Empfehlung ist am ehesten auf »reichhaltige« Medien wie Flash oder SVG anwendbar, die ursprĂŒnglich ĂŒber keine Beschriftungsmöglichkeiten verfĂŒgten, sowie dort, wo Untertitel nicht durch Programmierung oder Skriptsprachen hinzugefĂŒgt werden.

      4. Betonen Sie wichtige Textabschnitte oder die Überschriften von Textabschnitten ĂŒber Fettschrift oder grĂ¶ĂŸere SchriftgrĂ¶ĂŸe.

        Verwende fetten oder großen Text, um wichtigen Text visuell zu unterstreichen. Anmerkung: Die Standarddarstellung von HTML-Überschriften ist fett und groß, so dass keine Notwendigkeit besteht, spezielles Markup zu gebrauchen, um diesen Effekt zu erzielen.

    3. Interaktionsfokus:

      1. Bieten Sie multimodale Navigationshinweise (zum Beispiel Text mit graphischer/visueller Hervorhebung, auditiven Anweisungen und animierter Demonstration).

        Helfen Sie Benutzern, zu erkennen, was zu tun ist und wie mit Inhalten interagiert werden kann (kreieren Sie zum Beispiel eine Stimme, die »klicke den â€șWeiterâ€č-Button, um zur nĂ€chsten Seite zu gelangen« sagt, oder ein GerĂ€usch, das Fehlermeldungen begleitet, oder heben Sie den »Weiter«-Button visuell hervor &c.).

      2. Bieten Sie Feedback auf Aktionen des Benutzers (zum Beispiel ĂŒber die BestĂ€tigung einer richtigen Auswahl oder das Alarmieren bei Fehlern).

      3. Bieten Sie Hilfestellung oder Anleitung bei fremdartigen BenutzeroberflÀchen.

  3. Entwerfen Sie eine konsistente Umgebung.

    1. Stellen Sie sicher, dass Àhnliche OberflÀchenelemente und Àhnliche Interaktionen in voraussagbar Àhnlichen Ergebnissen resultieren.

    2. Schaffen Sie ein Navigationsschema, das ĂŒber alle Seiten einer Website oder innerhalb in Beziehung stehender Abschnitte einer Website konsistent ist.

  4. Erstellen Sie einfache, prÀzise Inhalte.

    1. Verwenden Sie eine deutliche und einfache Sprache.

      Diese Empfehlung ist schwierig zu beurteilen und evaluieren, aber wichtig.

    2. Vermeiden Sie tangentiale Informationen.

      Bleiben Sie beim Hauptthema.

    3. Verwenden Sie korrekte Grammatik und Rechtschreibung.

      Gebrauchen Sie ein Programm zur RechtschreibprĂŒfung. Schreiben Sie gut.

  5. Geben Sie dem Benutzer ausreichend Zeit, um auf Inhalte zuzugreifen und mit ihnen zu interagieren.

    1. Legen Sie bei Inhalten keine kurzen »Verfallszeiten« fest.

      Vermeiden Sie weitestgehend zeitbezogene JavaScript-Funktionen, selbstaktualisierendes HTML-Markup sowie andere Arten zeitlich festgelegter Weiterleitungen.

    2. Wenn ein bestimmtes »Ende« notwendig ist, ermöglichen Sie Benutzern, mehr Zeit zu beanspruchen.

      Erlauben Sie Benutzern, Einstellungen vorzunehmen oder alarmieren Sie sie, wenn die Zeit fĂŒr eine bestimmte Aktion ablĂ€uft – und geben Sie ihnen die Möglichkeit, diesen Zeitraum zu verlĂ€ngern.

  6. Ermöglichen Sie Benutzern, unbeabsichtigte oder fehlerhafte Aktionen zu vermeiden bzw. rĂŒckgĂ€ngig zu machen.

    1. Bitten Sie Benutzer, ihre Auswahl zu bestÀtigen.

    2. Bevorzugen Sie bei komplexen Interaktionen eher kurze, mehrschrittige als lange, nur aus einer Seite bestehende Formulare.

Mehr zum Thema

Verwandte WebAIM-Ressourcen

Verwandte externe Seiten

Ähnliche Themen

Das könnte Sie ebenfalls interessieren:

Schwerpunkt:

Cover: The Web Development Glossary.

Mein vielleicht umfangreichstes Buch: The Web Development Glossary (2020). Mit ErklĂ€rungen und Definitionen zu buchstĂ€blich tausenden Begriffen der Webentwicklung und verwandten Feldern, aufbauend auf Wikipedia sowie den MDN Web Docs. ErhĂ€ltlich bei Apple Books, Kobo, Google Play Books und Leanpub.

Auf dem Laufenden bleiben? Folgen Sie mir per Feed (mit englischen BeitrĂ€gen) oder auf Twitter.

Fehler entdeckt? E-Mail an jens@meiert.com.

Sie sind hier: Startseite → Publikationen → Kognitive Behinderungen I (WebAIM)

Stand: 25. MĂ€rz 2008

Professionelle Frontend-Entwickler produzieren valides HTML und CSS.