Jens Oliver Meiert

Kognitive Behinderungen II (WebAIM)

Übersetzung eines Artikels von WebAIM vom 25. September 2004 (↻ 25. März 2008).

Designgrundsätze entwickeln

Es ist eine unglückliche Tatsache, dass die Barrierefreiheitsgemeinschaft sich einige Zeit mit einem Konsens um Richtlinien abmühte, die auf Webinhalte für Menschen mit kognitiven Behinderungen angewandt werden können. Viele Autoren schlagen spezifische und nach gesundem Menschenverstand formulierte Grundsätze vor, während andere auf weiterführende Forschungsergebnisse warten wollen. Bei WebAIM vertreten wir die Ansicht, dass es hilfreich sein wird, bei dieser wichtigen Problematik den Dialog zu suchen. Zum einen können die gemeinsamen Überlegungen einer Vielzahl von Menschen gesammelt und ausgewertet werden – dies kann Forschern helfen, Fragen zu formulieren sowie Wege zu finden, um diese beantworten zu können. Dies kann auch Webentwicklern helfen, die ihre Inhalte so gestalten wollen, dass nicht der größte Teil der Menschen mit Behinderungen ausgeschlossen wird. Zum anderen birgt die kontinuierliche Interaktion zu diesem Thema das Versprechen, Bereiche näher untersuchen und feinsinnige Unterscheidungen zwischen Punkten treffen zu können, die wichtig sein werden.

In dem Artikel Kognitive Behinderungen I: Wir wissen immer noch zu wenig, und wir tun noch viel weniger hat WebAIMs Paul Bohman eine Liste vorläufiger Empfehlungen erstellt, die in Designrichtlinien verwendet werden können. Rückmeldung aus einzelnen Arbeitsbereichen wird dabei helfen, diese technischen Empfehlungen zu verfeinern. Eine andere Perspektive, aus der die Entwicklung solcher Designgrundsätze betrachtet werden kann, bietet die (Software-) Ergonomie (Human Factors). Die WebAIM-Mitarbeiter haben die Erfahrung gemacht, dass Entwickler häufig davon profitieren, Designtechniken aus Sicht des Benutzers zu betrachten. Barrierefreiheitsfragen in einer Makrostruktur wie der Ergonomie zu plazieren kann es Entwicklern erleichtern, Zugänglichkeitstechniken bei ihrer Arbeit zu »assimilieren«. So scheint es zum Beispiel für einen Entwickler leichter zu sein, zu berücksichtigen, dass jemand, der blind ist, »nichts sieht«, als sich an alle technischen Spezifikationen zu erinnern, die notwendig sind, um eine Seite für einen Blinden zugänglich zu machen. Aus dieser einfachen Perspektive heraus besehen kann der Entwickler einfach mit Dingen fortfahren, die sinnvoll erscheinen – indem er sich daran erinnert, dass der jeweilige Mensch die Elemente auf einer Seite nicht sehen kann, wird er veranlasst, zu hinterfragen, ob gleichartige Alternativen für Inhalt (zum Beispiel alternative Texte) und Struktur (zum Beispiel verknüpfte Formularbeschriftungen oder Spalten- und Zeilenköpfe in Datentabellen) existieren.

Technische Spezifikationen um reale Nutzerprobleme herum aufzustellen war geraume Zeit eine Technik von WebAIM (siehe zum Beispiel Die Benutzerperspektive berücksichtigen: Eine Zusammenstellung von Designproblemen). Diese Bemühung ist konsistent zum aktuellen Entwurf der Web Content Accessibility Guidelines, bei denen technische Spezifikationen sich auf Kernkonzepte wie »wahrnehmbar« und »betriebsfähig« konzentrieren. Diese Makro-Struktur wird die kognitive Beanspruchung des Entwicklers in bezug auf Zugänglichkeitstechniken letztlich reduzieren und dabei helfen, Barrierefreiheit in seine (Arbeits-) Gewohnheiten einzubinden.

Mit Blick auf diese Zielsetzung sucht WebAIM weitere Rückmeldung sowie Erkenntnisse, um von der Nutzerperspektive aus Designgrundsätze für Menschen mit geistigen Behinderungen zu erstellen. Wir fordern Sie auf, die Inhalte dieses kurzen Artikels zu kommentieren. Wir wollen das Konzept der Nutzerperspektive in der Hoffnung teilen, dass dieses verfeinert, getestet und von Entwicklern in Zukunft verwendet werden kann.

Wer sind Menschen mit kognitiven Behinderungen?

Menschen mit kognitiven Behinderungen repräsentieren weltweit die größte Gruppe von Menschen mit Behinderungen – es gibt viermal soviele Menschen mit kognitiven Behinderungen wie Blinde. Dies liegt zum Teil an der Tatsache, dass viele verschiedene Behinderungen die Fähigkeit eines Menschen beeinflussen können, Informationen zu verarbeiten, auf diese zuzugreifen oder diese und ihre Lernerfahrungen zu erinnern. Aufgrund der Reihe gleichartiger Herausforderungen, die für Menschen mit kognitiven Behinderungen gelten, werden viele Untergruppen typischerweise innerhalb der überspannenden Kategorie »kognitive Behinderung« eingeordnet. Dies schließt Menschen mit Lernschwächen (wie zum Beispiel Dysgraphie und Dyslexie beziehungsweise Legasthenie), Aufmerksamkeitsstörungen (wie zum Beispiel ADHD und ADUD), Entwicklungsstörungen (wie zum Beispiel Autismus, zerebrale Kinderlähmung, Down- und Fragile-X-Syndrom) und neurologischen Beeinträchtigungen (wie zum Beispiel Alzheimer, traumatische Gehirnverletzungen, Demenz und Schlaganfall) ein. Eine der derzeitigen Herausforderungen bei dieser großen Gruppe von Behinderungen ist, dass die Bedürfnisse der jeweiligen Benutzer sehr unterschiedlich sind. Bei Menschen mit kognitiven Behinderungen ist bekannt, dass sie Defizite auf dem einen Gebiet haben, aber auf anderen Gebieten »normale« oder sogar erweiterte Fähigkeiten aufweisen.

Es entstehen Muster, wenn man versucht, die Schwierigkeiten, die ein Mensch mit einer kognitiven Behinderung bewältigen muss, zu beschreiben. Die gebräuchlichsten Worte, die verwendet werden, um die bei Menschen in dieser Gruppe beobachteten Schwierigkeiten zu beschreiben, umfassen Probleme in bezug auf:

Wahrnehmung und Verarbeitung

Wahrnehmung und Verarbeitung bezieht sich auf die Fähigkeit des Menschen, (visuelle und auditive) Informationen zu identifizieren (wahrzunehmen) und in sinnvolle Einheiten zu unterteilen. Manche Autoren ordnen dieser Kategorie das Lesen und Schreiben zu, andere sehen Lese- und Schreibfertigkeiten anderen Gebieten zugeordnet.

Dass man im Internet lesen und schreiben können muss, ist offensichtlich. Menschen mit geistigen Behinderungen müssen die Fähigkeit besitzen, auf Buchstaben, geschriebene Worte und Sätze zuzugreifen und diese zu verstehen, aber falls notwendig auch eine schriftliche Antwort zu liefern oder zu identifizieren. Probleme können dabei auftreten, einzelne Wörter zu dekodieren, wortgetreue oder abstrakte Sprache zu verstehen sowie Antworten zusammenzustellen, sobald erforderlich, wobei dies getippte oder aus einem Pulldown-Menü gewählte Antworten sein können. Wenn ein Entwickler die Probleme versteht, denen sich ein Benutzer gegenübersieht, wenn dieser Worte und Sätze wahrnimmt oder verarbeitet, könnte er daran interessiert sein, seine Arbeit nach technischen Gesichtspunkten zu prüfen (zum Beispiel, ob für den Inhalt in angemessener Form die klarste und einfachste Sprache verwendet wird, ob Bilder um entsprechende Texte ergänzt werden, ob Schriften vergrößert werden können, genügend Kontrast gegeben ist und auf der Seite auch ausreichend Leerraum vorhanden ist).

Die Komplexität der verwendeten Sprache und des erforderlichen Leseniveaus kann sehr leicht überprüft werden. Folgen Sie den Vorschlägen in dem (englischsprachigen) Artikel »Wie man nutzbare Materialien für Menschen mit kognitiven Behinderungen erstellt« (Anmerkung des Übersetzers: leider nicht mehr verfügbar).

An dieser Stelle folgt ein Beispiel eines Leseproblems; bemerken Sie, dass es auf Wahrnehmung oder Verarbeitung zurückzuführen sein kann. Achten Sie darauf, ob die zugehörige Lösung hilfreich ist.

Was bedeutet dieser Satz?

Se ino dernic htse in.

Überzeugen Sie sich nun von der Kraft und Wichtigkeit eingebetteter Graphiken als Möglichkeit, das Verständnis des geschriebenen Wortes zu verbessern, indem Sie sich diesen Satz mit einem Bild zusammen ansehen.

Eine weitere interessante Simulation eines Leseproblems und unserer »Belastbarkeit« hinsichtlich solcher Probleme finden Sie bei Angus Cook.

Gedächtnis

»Gedächtnis« bezieht sich auf die Fähigkeit eines Benutzers, zu erinnern, was er gelernt hat. Wir alle verfügen über ein Arbeits-, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis. Wichtige Informationen bewegen sich typischerweise vom Arbeits- über das Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis. Menschen mit kognitiven Behinderungen haben Schwierigkeiten mit einer, zwei oder gar drei dieser Gedächtnisarten. Je bedeutungsvoller Ihre Inhalte für die Bedürfnisse des Benutzers sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser die funktionalen Gedächtnisspeicher des Gehirns erreicht. Manche Benutzer können auch unter speziellen Gedächtnisproblemen leiden, die ihre Fähigkeit beeinträchtigen, sich daran zu erinnern, wie sie zu Inhalten auf und von einer Website gelangt sind. Diese Benutzer würden von vielen technischen Überlegungen profitieren, wie unter anderem:

  1. Navigation, die innerhalb der ganzen Website sowie über die Zeit konsistent ist;
  2. die Verwendung erkennbarer und offensichtlicher »Pfadfinder« (Breadcrumbs);
  3. konsistenten Stilgebrauch, um zum Beispiel Hyperlinks über blaue Farbe und Unterstreichung auch als solche zu kennzeichnen.

Problemlösung

Manche Menschen mit kognitiven Behinderungen haben große Schwierigkeiten damit, auftretende Probleme zu lösen. In vielen Fällen ist ihre Belastbarkeit nur gering, und die resultierende Frustration führt dazu, dass sie betroffene Seiten verlassen und gar nicht erst versuchen, das Problem zu lösen. Ein Beispiel hierfür kann das Erscheinen eines »404«-Fehlers, ein nicht funktionierender Link oder auch ein Link sein, der sie nicht dahin führt, wohin sie zu gelangen dachten. Für manche Menschen können die Probleme, die damit verbunden sind, die Maus zu einem gewünschten Bereich auf dem Bildschirm zu führen (zum Beispiel durch ein Problem bei der visuellen Verarbeitung verursacht) und dort in einen kleinen Bereich zu klicken, schlichtweg eine zu große Bürde sein. Designer täten gut daran, über Wege nachzudenken, wie ihre Designs Probleme minimieren oder ausschließen (indem zum Beispiel regelmäßig geprüft wird, ob alle Links korrekt sind, indem sichergestellt wird, dass alle Formulare sauber funktionieren, indem Popups vermieden werden oder auch, indem Mechanismen geboten werden, um Fragen beantworten oder dem Benutzer bei Bedarf Unterstützung bieten zu können).

Aufmerksamkeit

Es gibt viele Menschen, die Schwierigkeiten damit haben, ihre Aufmerksamkeit auf die Aufgabe zu richten, die sie gerade ausführen. Ablenkungen wie bewegender Text und blinkende Symbole können die Umgebung sehr schwierig gestalten. Selbst für typische Benutzer kann die Anwesenheit von blinkenden und sich bewegenden Gegenständen oder mehreren Popups irritierend sein. Gute Designgrundsätze und -prinzipien würden ihr Vorkommen nur auf das beschränken, was wirklich notwendig ist, um Inhalte zu vermitteln.

Beispieltabelle

Die folgende Tabelle ist ein Beispiel für einen Versuch, spezifische Designgrundsätze zu erstellen, die sich an Bereichen orientieren, die regelmäßig Probleme für Menschen mit kognitiven Behinderungen darstellen. Diese Informationen können leicht auf verschiedenste Weise organisiert werden – so könnte es beispielsweise viel mehr Sinn ergeben, sie nach der jeweiligen Form der Einschränkung anzuordnen, als alle in einer Tabelle zu organisieren. Wenn das jedoch gemacht werden würde, müssten einige technische Anforderungen mehrere Male wiederholt werden, da sie in mehreren Problemfeldern auftauchen. Kein Versuch wurde im übrigen unternommen, wirklich alle technischen Grundsätze einzuschließen, von denen Menschen mit kognitiven Behinderungen profitieren würden. Sechzehn Grundsätze werden aufgezählt – eine umfassende Liste würde wahrscheinlich viermal soviele technische Anforderungen beinhalten. Der entscheidende Punkt jedoch ist, Rückmeldung bezüglich der Nützlichkeit einer solchen Liste für Webentwickler zu erhalten.

Grundsätze, die Menschen mit kognitiven Behinderungen helfen können Wahrnehmung Gedächtnis Problemlösung Aufmerksamkeit
Verwenden Sie eine möglichst einfache Sprache für Inhalte (prüfen Sie das erforderliche Leseniveau über automatisierte Werkzeuge). ja nein nein nein
Ermöglichen Sie, dass Text vergrößert werden kann. ja nein nein ja
Verwenden Sie Symbole oder Graphiken zusammen mit Text, um das Verständnis über den Kontext zu erleichtern. ja ja nein nein
Vermeiden Sie sich bewegenden Text, da dies den Druck erhöht, mit einer bestimmten Geschwindigkeit zu lesen. ja nein nein ja
Heben Sie hohen Kontrast für Bereiche auf, die Inhalte transportieren, und stellen Sie inhaltsleere Bereiche gedämpft oder in Pastellfarben dar. ja nein nein ja
Stellen Sie sicher, dass der Benutzer seine eigenen Layoutvorgaben verwenden kann und verzichten Sie auf Farben oder Bilder, falls erwünscht. ja nein nein nein
Vermeiden Sie zeitbasierte Elemente (automatische Aktualisierungen, Weiterleitungen &c.), sofern es dem Benutzer nicht ermöglicht wird, mehr Zeit zu beanspruchen. ja nein nein nein
Stellen Sie sicher, dass nur für die Maus zugängliche Bereiche groß und leicht klickbar sind. nein nein ja nein
Verwenden Sie eine überall konsistente und übersichtliche Navigation. nein ja ja nein
Verwenden Sie konsistente Methoden zur Darstellung von Links (zum Beispiel über blaue Farbe und Unterstreichung) und sorgen Sie dafür, dass sie beschreibend sind (vermeiden Sie zum Beispiel »hier klicken« und »mehr«). nein ja ja ja
Bieten Sie Demonstrationen oder Audiobeschreibungen. ja nein ja ja
Bieten Sie Textabschriften für Medien mit Untertiteln, damit der Benutzer die hinter der Erzählung stehenden Konzepte nachvollziehen kann. ja ja ja nein
Verwenden Sie erkennbare und offensichtliche »Pfadfinder« (Breadcrumbs). ja ja ja ja
Gebrauchen Sie beschreibende Überschriften und andere organisierende Techniken (zum Beispiel Listensymbole), um Dokumente zu strukturieren. ja ja nein nein
Verwenden Sie eher großzügigen Leerraum, anstatt Seiten mit zuviel Informationen »vollzustopfen«. ja nein ja ja
Vermeiden Sie animierte oder blinkende Symbole, solange diese nicht notwendig sind. ja nein nein ja

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Stand: 25. März 2008.

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