Jens Oliver Meiert

Webdesign mit CSS: Autorengespräch

Interview vom 22. Februar 2006, exklusiv für Jörg Petermann.

Jörg Petermann:

Einfach moderne Webseiten. Was war der entscheidende Impuls für dich, ein Buch über Webdesign mit CSS zu schreiben?

Jens Oliver Meiert:

Nun, dem Buch ging meine bereits längere Zusammenarbeit mit O’Reilly voraus. Als Sachverständiger konnte ich bereits bei den deutschen Ausgaben von Christopher Schmitts CSS Kochbuch sowie Eric Meyers CSS – kurz & gut mitwirken. In beiden Fällen arbeitete ich eng mit O’Reillys damaligen Lektor Michael Gerth zusammen, und in unserer Korrespondenz kamen wir auf den Mangel an deutschen, anspruchsvollen, designorientierten CSS-Büchern zu sprechen. Die Idee zu Webdesign mit CSS war geboren, das war Anfang 2005.

Petermann:

Wie kam es zustande, dass ihr beide ein Buch zusammen geschrieben habt?

Meiert:

Das hat selbstredend seine Geschichte. Als Michael und ich Inhalt und Ausrichtung des Buchs umrissen, hatte Design einen noch höheres Gewicht, als es nach Veröffentlichung den Anschein hat. Wir planten, das Buch mit mehreren Designern und Autoren anzugehen, und mit Gerrit van Aaken konnten wir recht früh Verstärkung gewinnen, ebenso mit Ingo Helmdach. Nachdem andere, wie zum Beispiel Bernd Willenberg (bekannt durch seine CSS-Zen-Garden-Designs Maya und RedFrog), leider indisponiert waren, kristallisierte sich recht schnell heraus, dass wir Webdesign mit CSS zu dritt auf den Weg bringen würden. Meine Defizite im gestalterischen Bereich wurden durch die technischen Stärken wie auch durch Ingos Können und Erfahrung in bezug auf Design perfekt ausgeglichen, und Gerrit konnte ja eh alles, außer vielleicht häkeln ;)

Entsprechend der individuellen Stärken ergab sich die Aufteilung, dass Ingo Designs entwarf, während Gerrit und ich neben eigenen Entwürfen die Umsetzung via XHTML und CSS sowie deren Erläuterung übernahmen. Nach einigen Wochen kam aber Hiob in Form von Gerrits zu starker Auslastung, und Gerrit musste seine Arbeit am Buch leider aufgeben. Das war unglücklich und hat uns auch ein Stück zurückgeworfen. Ich habe mich zunächst um neue Verstärkung bemüht und interessanterweise auch bei Manuela Hoffmann angeklopft – doch Manuela war bereits in einem Buchprojekt involviert, zusammen mit Björn Seibert schrieb sie, wie wir ja alle wissen, Professionelles Webdesign mit (X)HTML und CSS. Im Endeffekt blieb es dann bei der Aufteilung, Ingo entwarf, ich schrieb.

Petermann:

Bisher gab es in Deutschland wenige Bücher, die sich dem Thema Webdesign und Webstandards widmen. Gegenwärtig scheint der Knoten geplatzt zu sein. Haben wir in Deutschland den Trend verschlafen? Welche Ursachen gibt es deiner Meinung nach dafür?

Meiert:

Grundsätzlich scheinen wir in Deutschland so einiges zu verschlafen, schließlich sind wir ja viel zu sehr damit beschäftigt, an allem rumzunörgeln, und wir scheinen auch nicht die Eier, die Nase sowie den unbedingten Willen zu haben, um oben dabei zu sein, egal in welcher Branche.

Davon ab stellte sich mir aber kurzzeitig die Frage, ob das mangelnde Angebot aus einer mangelnden Nachfrage resultiert, aber der Erfolg von Manuelas und Björns sowie Ingos und meinem Buch scheinen das zu widerlegen. Zudem haben ja auch unter anderem Jan Eric Hellbusch und Kai Laborenz ausgezeichnete, erfolgreiche Bücher geschrieben. Unter diesem Gesichtspunkt muss ich leider sagen: Ich weiß nicht, warum es zu besagten Themen insgesamt so wenig deutsche Literatur gibt. Es sieht aber, ich stimme dir zu, wirklich ganz so aus, als würde sich das ändern.

Ich darf noch anmerken: Ein großes Angebot stellt aber ja auch nicht sicher, dass die Qualität entsprechend ist. Es gibt sogar erstaunlich viel Klump, der veröffentlicht wird, ob nun in Papier- oder elektronischer Form. Meiner Erfahrung nach bietet es sich gerade bei Technologien zum Beispiel an, am besten direkt in die Spezifikationen zu sehen. Vielleicht nicht immer die angenehmste Lektüre, aber sie ist meistens vollständig, exakt und die, die bei Verständnis die Fragezeichen über der Birne geradezu in Kompaniestärke ausradiert.

Und ich muss ebenso anmerken, dass spärliche einheimische Fachlektüre prinzipiell schon keine Ausrede sein darf – es gibt ja auch deutsche Quellen im Internet, und wir sind auch ein Land, indem man Englisch einigermaßen beherrschen sollte. Auf jeden Fall in unserer Branche. Englisch ist immer von Vorteil, egal, ob man sich »so« weiterbilden möchte oder mehr oder minder ambitioniert ist. Unter den wenigen Topleuten, die wir in bezug auf Webstandards, Barrierefreiheit und Usability haben, kenne ich keinen, der kein Englisch kann.

Petermann:

Das Schreiben eines Buches erfordert gewiss regionale Koordination, elektronische Hilfsmittel, Disziplin und gutes Timing. Wie habt ihr die Arbeit am Buch koordiniert und erfolgreich über die Entfernung gestaltet?

Meiert:

Wir haben während der gesamten Zeit ein Wiki eingesetzt, um die Arbeit zu koordinieren, zu dokumentieren und um Dateien zu hinterlegen. Ein Wiki war naheliegend, und es hat sich auf jeden Fall bewährt. Als Gerrit noch an Bord war, haben wir zudem wenigstens ein »Kick-off«-Treffen in München organisiert, ansonsten fand die Kommunikation über E-Mail-Verteiler sowie telefonisch statt. Ingo und ich hatten wenig Schwierigkeiten, uns zu besprechen, weil wir ja beide auch denselben Arbeitgeber haben.

»Disziplin« ist noch ein gutes Stichwort. Da Ingo und ich beide nicht nur für GMX arbeiteten, sondern auch andere Projekte vorantrieben sowie versuchten, noch irgendwo ein Privatleben zu führen, wurde es mitunter schon »interessant«. Aber im nachhinein würden wir wohl alles wieder genauso machen, gerade nachdem sich unser Vorgehen insgesamt einfach als gut herausgestellt hat. Und es liegt ja auch in der Natur der Sache, dass man ein Buch nicht einfach aus dem Ärmel schüttelt.

Petermann:

Die Arbeit an einem Buch hält immer auch Stolpersteine und Glücksmomente für die Autoren bereit. Welche Stolpersteine musstet ihr beiseiteräumen? Welches waren die Momente, die eurem Projekt Auftrieb, Zuversicht und Motivation gegeben haben?

Meiert:

Der Rückzug von Gerrit hatte schon einen Touch von »Stolperstein«, aber es war eigentlich nie strittig, dass Ingo und ich das Buch fertigstellen wollten. Selbst wenn es zu dem Zeitpunkt noch eher in den Startlöchern stand. Die »Halbzeit« war hingegen der erste Glücksmoment, die Manuskriptabgabe der zweite. Nach letzterem fiel schon einiges von uns ab, wir waren am Ziel und eigentlich auch recht zufrieden, auch wenn einen der Perfektionismus zwickte und damit nervte, ob auch ja wirklich alles passt.

Ansonsten fiel es eigentlich nicht allzu schwer, sich zu motivieren oder anzutreiben, da die Arbeit am Buch zum einen aus professionellem Antrieb gespeist wurde und zum anderen auch viel Spaß bereitete. Aber ich muss doch zugeben, dass es zu Spitzenzeiten, vor bestimmten Terminen, schwerer wurde, man freute sich irgendwann auf den Abschluss. Meine Erfahrung mit »L’Alpe d’Huez« hatte ich sicherlich in dieser Zeit ;)

Petermann:

Euer Buch hat bisher eine gute Resonanz gefunden. Es ist bereits in den ersten Wochen sehr gut verkauft worden. Wie erklärst du dir diesen Erfolg?

Meiert:

Auch wenn unser Buch noch etwas spezieller, da mit engerem Fokus ist als das von Manuela und Björn, spiegelt sein Erfolg das Interesse an der Materie wider. Wie oben schon angedeutet gibt es offensichtlich eine große Nachfrage nach vertiefender Literatur für Webdesign und Webentwicklung. Wir sehen uns auch sicherlich in unserer Arbeit bestätigt.

Petermann:

Euer Buch bietet auch einiges Hintergrundwissen zu Webdesign mit XHTML und CSS, in praktisch aufgearbeiteter Form. Was kann euer Buch leisten? Welche ergänzende Literatur würdest du interessierten Lesern zum weiterführenden Studium empfehlen?

Meiert:

Auch wenn sich unser Buch primär mit Gestaltung und CSS beschäftigt, sollte man auch viel mitnehmen können, was HTML und, implizit, Validität und Semantik anbelangt. In den einzelnen, als Workshops aufgemachten Kapiteln kommt zudem auch viel Methodik herüber – am Anfang wird das Design erstellt, idealerweise getestet, dann die Struktur bestimmt (HTML) und schließlich das entsprechende Stylesheet darübergestülpt. Ebenso ist es hoffentlich geglückt, das Buch offenzuhalten – so wird auch auf Barrierefreiheit eingegangen und wenigstens angesprochen, wenn anderes Wissen dienlich ist. CSS-Halbgötter sind sicherlich toll, aber unsere Welt dreht sich ja nicht nur um CSS.

Ergänzende Literatur? Fällt mir überraschend schwer, zu beantworten, da sowas ja immer stark vom Vorwissen wie auch dem Lerntyp abhängt. Zudem fand ich persönlich viele Webdesign-Bücher (wie zum Beispiel Jeffrey Zeldmans Designing with Web Standards) kaum überzeugend. Eric Meyers CSS-Bücher sowie Joe Clarks Building Accessible Websites werden aber eine gute Investition sein, und auch wenn ich selbst es nicht gelesen habe, soll hier auch Dan Cederholms Bulletproof Webdesign lohnenswert sein.

Um den Horizont noch zu erweitern, gibt es aber genügend herausragende Literatur. Da sind unter anderem die Bücher von Edward Tufte zu nennen, die vor allem durch viele großartige Abbildungen glänzen (siehe auch die Übersetzungen Webdesign nach Tufte sowie Prinzipien der Informationsdarstellung). Ebenfalls hervorragend ist Robert Bringhursts The Elements of Typographic Style, genauso wie B.J. Foggs Persuasive Technology, das einem etwas über Beeinflussung und Mensch-Maschine-Interaktion lehrt. Das nur nebenbei, also vielmehr ein Anreissen ausgezeichneter Sekundärliteratur.

Petermann:

Welches sind aus deiner Sicht gegenwärtig die größten Herausforderungen für professionelles Webdesign?

Meiert:

Das wurde in jüngster Zeit (glücklicherweise) oft diskutiert, und da ich dazu auch im »Webdesign 2006«-Interview Stellung beziehe, fasse ich nur zusammen: Es gilt, noch mehr in Richtung Webstandards, Barrierefreiheit und Usability zu sensibilisieren. Und da es wenig realistisch ist, aus jedem Webdesigner oder Webentwickler einen Ian Hickson, Eric Meyer, Joe Clark und Jakob Nielsen zu zaubern, müssen wir vorrangig Konzepte, Methoden und Werkzeuge vermitteln.

»Konzepte« bedeutet dabei, herauszustellen, was wichtig und wie an ein Informationsangebot und dessen Umsetzung heranzugehen ist. »Methoden und Werkzeuge« beinhaltet, weiterzugeben, mit was man ein funktionierendes (zum Beispiel via Nutzertests) und technisch einwandfreies (zum Beispiel via Validierung) Arbeitsergebnis erreicht.

Petermann:

Welche Botschaften, Impulse oder Anregungen möchtet ihr den Lesern eures Buchs noch ganz persönlich mit auf den Weg geben?

Meiert:

Da soll das Buch für sich selbst sprechen.

Petermann:

Euer Buch ist nun erfolgreich erschienen. Zeit für neue Herausforderungen und einen Blick in die Zukunft. Was sind eure persönlichen Pläne und Prioritäten im Jahr 2006?

Meiert:

Mit einer recht zeitnah anstehenden zweiten Auflage von Webdesign mit CSS sowie einem anderen Projekt haben Ingo und ich gleich zwei neue Herausforderungen vor uns. Dazu steht bei mir noch die Arbeit an eins, zwei weiteren Büchern an, wenn auch eher in beratender Funktion. Und mit meinem definitiv im März an den Start gehenden Blog (auf Englisch) sowie einigen weiteren Projekten, auch mit den Webkrauts, wird dieses Jahr sicher eins: Nicht langweilig.

Petermann:

Ich danke dir im Namen der Leser von einfach-persoenlich sehr herzlich für die interessanten Einblicke und Hintergründe zu eurem Gemeinschaftswerk. Ich wünsche euch beiden viel Erfolg im Jahr 2006. Wir freuen uns auf weitere wertvolle Impulse, Anregungen und Projekte und drücken euch einfach persönlich beide Daumen.

Meiert:

Da nicht für, ich danke dir und unseren Lesern!

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Stand: 22. Februar 2006.

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